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28. November   /////   Hochzeitsmarsch
Ein Tag wie kein anderer steht uns bevor, warm und bunt, laut und glitzernd, eine Hochzeit steht an. Wir tauchen ein in die uns noch fremde Welt, voller Traditionen, mit Verpflichtungen und Mitgift.
Das Wetter ist nicht vielversprechend, frisch und regnerisches ist es, der Boden spiegelt die Mauern des Innenhofs wieder, die Kakis an den Bäumen, ein Farbtupfer im Nass. Aber heute wird ein Versprechen gegeben, dem Himmel sei dank, dem Wetter zum Trotz, denn die usbekische Hochzeit, zu der wir eingeladen worden sind, ist ein Fest an dem die halbe Stadt teilnimmt.
Der Tag ist der Familie vorbehalten, Damen und Herren verbringen die Zeit vor der Zeremonie getrennt. Die Frauen essen drinnen im Speisesaal, die Herren draussen unter der Pergola des Innenhofs. An die zweihundert Familienmitglieder und Freunde sind zur Vermählung eingeladen. Usbekistans Nationalgericht, der Plov, ein Gemisch aus Reis, Fleisch und Karotten, gekocht mit einem speziellen Öl, wird vor unseren Augen vom usbekischen Plovmeister zubereitet. Dazu gibt es verschiedene Nüsse, unglaublich gute Teigtaschen, Früchte, Süssigkeiten, usbekisches Brot und Tee, Unmengen von Tee. Bei den Männern wird aus Platzmangel in Schichten gegessen, bei den Frauen, drinnen, herrscht gemütliche Plauderstimmung. Man sitzt am Boden auf Teppichmatten, im Hintergrund stapeln sich Hochzeitsgeschenke: Die Aussteuer umfasst einen ganzen Haushalt, Kleider, traditionelle mit Schleier und Kronen, moderne für die Oper und Theater, dann Sitzkissen und Teppiche.
Nach dem Mittagessen kriegen wir, die Damen, zum ersten Mal die Braut zu sehen. Zerbrechlich wie eine Elfe steht sie da, verschleiert und immer wieder demütig zu allen Seiten sich verneigend. In ihrem weissen, vollen Kleid schwebt sie herein, geführt an der sicheren Hand zweier Damen. Inmitten der Geschenke werden Braut und Kleid hinter einem Tuch hergerichtet. Sie zittert vor Anspannung, man möchte sie weiterhin stützen. Doch nun ist Haltung bewahren angesagt, die Männergruppe nähert sich unter Trommeln und Tanz, den Bräutigam im Schlepptau. Die eigentliche Zeremonie ist ein Akt zwischen der Dame, die den Segen ausspricht, den Eheleuten und mindestens zwei Kamerateams und Fotografen an vorderster Front.
Am frühen Abend, in einem Saal so gross wie ein Hangar, das Ehepaar nun etwas entspannter - ein Lächeln huscht ab und zu über ihre Lippen - ist es nun an uns, zu staunen und zu schweigen. Eine usbekische Hochzeit ist gross und wuchtig - gefeiert wird auch jetzt in uns nicht vertrautem Massstab, Mann und Frau wieder an getrennten Tischen. Zwischen vier- und fünfhundert Leute haben sich eingefunden, ohrenbetäubende Musik unterbindet jedes Gespräch, zuprosten findet in Gesten statt. Die Kamerateams sind weiterhin präsent, eine Kamera am Teleskoparm fängt das Fest aus der Höhe ein. Wir verlassen die Szene früh, ziehen uns zurück in die nasse, dunkle Nacht Samarkands. Ohrensausen und viele bunte Bilder begleiten uns heim.




17. November   /////   Nach der Grenze ist vor der Grenze
Das schöne Gesicht Turkmenistans? Dasjenige, das mit geifernder Dankbarkeit die geheuchtelte Nettigkeit aufzulecken hat, die sein narzisstischer Diktator von jeder öffentlichen Fassade und von hohen Sockeln seinem Volk vor die Füsse wirft?
Es hat sich uns nur kurz gezeigt, dieses schöne, sanfte, humorvolle Gesicht. Im Vorbeihuschen. Ein Lächeln hier, ein kurzer Tee dort, ein umsonst reparierter Reifen, ein freundschaftlicher Handschlag. 48 Stunden reichen nicht aus, um in ein Land einzutauchen. Reichen nicht aus, um es sich tief hinunter zu atmen bis hinein ins hinterste Lungenbläschen, wo es dann Teil unser selbst würde. Was bleibt sind unsägliche Zollbeamte, die im Rachen stecken bleiben und kratzen, das Bürokratiegeschwür, das die Lunge verschleimt und von dort emporhustet: "Zwei Tage und dann raus hier!" und ein generelles Unwohlsein, gegen das erst das süsse Täfeli des Ausreisestempels Linderung bringt.
Wir haben einen flüchtigen Blick erhascht vom schönen Gesicht Turkmenistans, mehr war uns nicht vergönnt. Schade, denn manches hätte es noch zu entdecken gegeben.




13. November   /////   Zentralasiatische Farbenlehre
(Gastbeitrag von Markus Kern)

weissgepunktete Baumwollfelder
Wassermelonen im prallem Grün
Gelbgegerbte Steppenwiesen bis zum Horizont
Mosaiksteine glänzend blau
goldgelb polierte Brote in warmen Decken
Türkiswasser spiegelt Blätterpracht
staubgraue Strasse
rostroter Fels
ferne weisse Bergphalanx
im Malkasten Zentralasien




13. November   /////   Konsistenzen der Zeit
(Gastbeitrag von Markus Kern)

Die Schafe kauen Steppengras, der Hund hat einen Schattenfleck entdeckt, blauer Himmel, die Sonne steigt, der Mittag und seine Wärme naht. Die Stunden vergehen. Kaum Bewegung, keine Ablenkung, nur der staubige Blick in die trockene Ebene eröffnet sich dem Hirten, der tagaus tagein mit den Schafen zieht. Wie eine Minute, eine Stunde, ein Jahr wohl für ihn vergeht? Macht die äussere Leere von Alleinsein und Kargheit seine Zeit zäh oder eben gerade flüssig oder gar munter plätschernd wie ein Bergbach? Dem, der unsere Welt gewohnt ist, die im Vergleich wie ein einziges zackig getaktetes Videoclip dasteht, scheint die Ruhe dieses Seins geradezu bedrückend. Man denkt unwillkürlich an Flucht zurück ins Schlaraffenland der Eindrücke, wo man nach Ablenkung und Unterhaltung kaum zu greifen braucht. Und dann merkt der Reisende, wie die eigene Zeit ihren Fluss ändert, ruhiger wird, gelassener und doch stetig weiterzieht.




10. November   /////   Driving through Dinner
Nicht wir, aber fast...




7. November   /////   1984
Nach 23 Besuchen auf sieben verschiedenen Botschaften, nach 750 Franken, die wir in diese Botschaften gebuttert haben, nachdem wir geglaubt haben, die die Grenze zum Krankhaften überschreitende Debilität kirgisischer Verkehrspolizisten und kasachischer Zollbeamten sei nicht zu überbieten, nachdem wir durch turkmenische Botschaftsangestellte eines Besseren belehrt wurden, nach zahllosen fehlgeschlagenen Versuchen, mittels telepathischer Begabung Polizistenhüte zu entflammen, Grenzposten hinter uns zu verschieben und Botschaftsgebäude zu sprengen, nachdem das zentralasiatische Visaringelreihen begann, sich in unsere gute Laune zu verbeissen haben wir endlich das letzte Visum im Sack!

Auf nach Turkmenistan, dorthin wo Gas und Elektrizität gratis, Brotöfen heilig und Satellitenschüsseln wegen Verschandelung der Gebäude verboten sind! In das Wüstenland, dessen Präsident auf Lebzeiten seine Lebzeit gottlob vor einigen Jahren abgelebt hat, nicht ohne sich vorher zum Propheten erheben zu lassen. Der Bibliotheken und Theater verbieten liess und goldene Zähne und der die Wochentage und Monate nach seinem Gutdünken umbenannte. In das Land, wo Pressefreiheit und Religionsfreiheit nicht auf dem Einkaufszettel stehen, das Volk trotz Öl- und Gasreichtum in Armut ertrinkt, sich dafür an goldenen Statuen ihres Politpropheten ergötzen darf.

Drei Tage hast du Zeit, Turkmenistan, uns deine andere Seite zu zeigen. Die drei Tage, die deine Herren Konsul uns zugestanden haben, dich zu durchqueren und nach denen du uns in hohem Bogen hinaus verfrachten wirst, über den Stacheldraht hinüber nach Persien. Ein Abschied aus Zentralasien ohne Trompeten und Fanfaren, mit Trillerpfeife und Stempel allerhöchstens, den Fuss brav auf dem Gaspedal. Wir sind gespannt!




2. November   /////   Gebeine
Wieso entstehen an diesen Orten, mitten in einer unendlichen Steppe gerade solche Hügel? Fände sich da was, wenn man graben würde? Und wie unterschiede man dann den sich nach und nach verdichtenden Sand, der ursprünglich vom Wind angetragen kam von der spröden Masse einer zerfallenen Lehmmauer? - Fragen wir uns und fahren hinter den Hügel um einen Schlafplatz zu suchen. Zwar nicht wie erhofft windgeschützt, aber doch abseits der Strasse, geschützt von neugierigen Blicken.

Am nächsten Morgen erhalten wir zu unserem Erstaunen Antworten auf unsere Fragen. Vom Hügel aus winkt uns ein einarmiger Herr mit Safarihut entgegen, eine andere Gestalt setzt gerade zu einem Rückwärtssalto am Hang an. Kein Zirkus präsentiert sich uns, es sind Archäologen, die tatsächlich dabei sind, eine unter dem Sandhügel verborgene Stadt freizulegen. In sorgfältiger, mühseliger Arbeit haben sie mit Besen und Spachtel Räume, Vorratskammern, Kochstellen, Strassen, Gräber und Gebeine freigelegt. In der Umgebung, wird uns erzählt, befinden sich noch rund 150 andere solche Städte. Seit einem Monat ist das Archäologenteam am Graben, noch zwei Monate stehen ihnen zur Verfügung, dann kommt der Restaurator und bald auch der Schnee und die Kälte, die die Arbeiten während des Winters unterbrechen.

Zum obligaten Fototermin werden uns tausendjährige Scherben von bemalten Tonkrügen in die Hände gedrückt. Wir erstarren ob der kostbaren Ware, versuchen sie weder fallen zu lassen, noch zu zerdrücken. Hier, auf dem Feld der Ausgrabung, sind die Tonscherben Gegenstand der täglichen Arbeit, zu musealen Kostbarkeiten erhoben werden die Fundgegenstände erst später. Grinsend fragen wir uns ob der vielen Fotos die wir von ihnen und sie von uns machen, wer denn nun die Exoten hier sind: Für uns sind es die Archäologen und ihr spektakulärer Fund, für sie sind wir es, die Schweizer mit dem roten Auto.




27. Oktober   /////   Vorhang zu!
Die Sowjets wussten wie verhüllen. Sie wussten, wie die Individualität unter der Haube des Kollektiven zu vergraben, auch in der Baukunst. Wie dem Ganzen, dem Kollektiven, ein monumentales Gesicht zu geben um unter der Strenge des Ornaments und der Starrheit der beinahe endlosen Repetition das Kleine, Individuelle zum Nichts schrumpfen zu lassen. Der Mensch dient nicht als Massstab.




19. Oktober   /////   Kirgisische Bergwelt
An der Schneefallgrenze offenbart sich einem die Schönheit der kirgisischen Bergwelt in voller Pracht. Die Bergrücken sind bestäubt mit Neuschnee, die Sonne bricht durch die Wolken und scheint auf die noch feuchten Matten. Oberhalb der Schneegrenze blendet das Weiss immer mehr, unterhalb derselben sind die Farben satt und frisch, der Boden beginnt zu leuchten, in Gold, tiefem Grün, nassem Braun und Rot.

Der erste Schnee in den Höhen ist das Zeichen, das Vieh in tiefere Lagen zu führen, die Jurten sind schon vor Tagen abgebrochen worden. Überall geraten wir in Herden von Schafen, Kühen und Pferden, die die Strasse nutzen um auf direktem Weg ins Tal zu gelangen. Wir werden Teil dieses grossen Umzugs, überholen müde Schafe, stoppen hinter gemächlich laufenden Kühen und fahren neben Pferden, die versuchen auf Solopfaden zu gehen.

An einem anderen Tag, in tieferen Lagen, streicht ein leiser Wind durch die Felder. Der Morgen ist gerade angebrochen, in der Ferne scheint der Himmel tiefblau, gezeichnet vom nächtlichen Nieselregen. Die ersten warmen Sonnenstrahlen verwandeln das unscheinbare Beige der Felder plötzlich in Goldgelb, als wollten sie dem Himmel in nichts nachstehen.

In sanften Formen liegen sie da, Elefantenrücken, gefaltet, zerknittert, erodiert. Herbstlich gefärbtes Blattwerk sorgt für Kontrast, die alten Elefanten umschmeichelnd. Vollkommenheit in Form und Farbe.




13. Oktober   /////   Pausenpfiff
Die Tage werden kürzer, kälter. Der Schnee ist uns auf den Fersen. Vor sechs Monaten sind wir aufgebrochen, auch im Schnee. Die erste Halbzeit ist um, der Pausenpfiff ertönt. Ein kleines Jubiläum, ein halber Geburtstag, wir feiern mit nepalesischem Apfelkuchen und Nutellafladen.
Sechs Monate unterwegs. Fängt heute der Rückweg an? Oh nein, wir sind noch immer auf dem Hinweg! "Nach vorne spielen" würde der Trainer in der Kabine sagen, "zu früh, sich zurückzulehnen". Und doch fragen wir uns ab welchem Punkt - zeitlich, örtlich - sich unser verbleibender Weg als Rückweg anfühlen wird. Wahrscheinlich dann, wenn über Sieg oder Niederlage entschieden sein wird, wenn es am Ausgang der Partie nichts mehr zu rütteln gibt. Doch die YB-Viertelstunde, die beginnt bekanntlich in der 75. Minute. Und sollte es beim Unentschieden bleiben, dann geht's in die Nachspielzeit!
Sechs Monate unterwegs. Ein halber Geburtstag nur, kein Grund für grosse Reden. Aber Grund genug für ein paar Fotos von Begegnungen aus dem letzten halben Jahr, eine Zusammenfassung sozusagen, für all die, die eben erst zugeschaltet haben.




9. Oktober   /////   Allen
Weit schlagen uns die Wellen der iranischen Gastfreundschaft entgegen, bis ins herbstliche Kirgistan! Während unsere Visabeschaffung erst langsam in Gang kommt, wir zur Einstimmung aber schon einmal ins iranische Restaurant in Bishkek gehen (nur um einmal mehr herauszufinden, dass die persische Nationalkulinarik kein Grund ist in den Iran zu fahren) treffen wir Allen - ein Künstlername? - gebürtiger Teheraner, ehemals Pilot in den USA, bevor er aus Gründen die politischer eher denn persönlicher Natur sind gezwungen wurde, seinen Beruf zu wechseln. Heute besitzt er eine Wurstfabrik. Wir staunen ob soviel Flexibilität, ohne verstanden zu haben, weshalb die Wurstfabrik ausgerechnet in Bishkek steht und nicht zum Beispiel in Teheran. Allen stattet uns mit seiner E-Mail-Adresse und seiner Telefonnummer aus und beschwört uns, uns sofort zu melden, sollten wir in seinem Heimatland irgendein Problem haben. Er sei zwar eben - wegen dem Geschäft - in Bishkek, aber sein Sohn, der sei in Teheran und den würde er dann einspannen. Er gibt uns noch einige touristische Tips mit auf den Weg - dass wir bereits im Iran waren und somit mit den gängigen touristischen Pilgerstätten vertraut, überhört er im Eifer der Begeisterung darüber, dass sich jemand für sein so verschmähtes Land interessiert - und wir sollen ihm unbedingt schreiben, wie es uns gefallen habe. Persien, wir kommen!




8. Oktober   /////   Distoplivo
Хорошо дизель! Guter Diesel! Nicht das schmutzige Zeug, das uns anderswo angedreht werde! Man muss wissen: In Usbekistan sprudelt der Diesel nicht ohne weiteres aus der Zapfsäule. Oh nein! Diesel ist ein rares Gut, an kaum einer Tankstelle erhältlich. Und Diesel kann gut sein oder eben auch nicht.
Die Lücke, die die Tankstellen im ganzen Land wegen Lieferengpässen hinterlassen füllen diverse „Kleinunternehmen“ die dieses Problem auf mirakulöse Weise überwunden zu haben scheinen: In Urgench sind dies drei Jungs mit Pokerface und weissen Hemden, die in ihrer Garage an einem leeren Pult geduldig auf ihre Abnehmer warten. Im Schuppen nebenan messen sie mit unterschiedlich grossen Kanistern und PET-Flaschen die gewünschte Menge ab, füllen ein, kassieren und verabschieden uns mit dem breitesten Grinsen Zentralasiens. Wir besuchen sie drei Mal, denn... der Diesel, der ist gut!
Im Bergdorf erkunden wir uns bei Einheimischen nach möglichen Dieselvorkommen. Nach einigem Hin und Her und zwei Telefonanrufen erwartet uns am Strassenrand ein wortkarger Herr – e Mürggu – und führt uns zu seinem Lager in einem kleinen Lehmhäuschen weit abseits der Hauptstrasse. Auf dem Dach liegen tote Schafe zum Trocknen. Aber das soll uns nicht stören, denn... auch sein Diesel ist gut!
In Samarkand will man uns "Weissen Diesel“ verkaufen, aus einem offenen, randvoll gefüllten Ölfass in einem schmierigen Hinterhof. Der sei besonders gut und deshalb auch besonders teuer, grinst uns der Verkäufer entgegen. Dass die Flüssigkeit hellblau schimmert und nicht goldig macht uns stutzig und von weissem Diesel haben wir noch nie was gehört. Wir verzichten dankend und verabschieden uns, für explosive Experimente fehlt uns heute die Musse.
Bei Kokand schliesslich sehen wir am Strassenrand aufgestellte PET-Flaschen mit Salatöl. Das Salatöl ist aber kein Salatöl sondern Benzin und wo Benzin in Flaschen am Strassenrand steht kann Diesel auch nicht weit sein. Und so finden wir nach kurzem Rumfragen auch hier unseren Dieselhändler des Vertrauens. Bald sind wir umringt von einem Dutzend Herren mit Goldzähnen und Schnapsatem, die auf uns einreden (das Fischrestaurant vis-à-vis wird uns empfohlen). Der Diesel kommt im Milchkübeli und die Preisverhandlungen werden auf unser staubiges Auto notiert. Teuer ist es, klar. Aber Hauptsache... der Diesel, der ist gut!




26. September / 6. Oktober 2012   /////   Für Riina und Nino
Alles Liebe zum Geburtstag! Ohne Worte...




23. September   /////   Fotogen in Lehm und Blau
Aus Lehm gebaut, aus Erde. Nichts als Erde. Warm und weich, staubtrocken. Und vergänglich. Über die bröseligen Quader schwappen Ozeane von Blau: Taubenblau, Schiefergrau, Türkis, Flaschengrün und Veilchenfarbig. Gletscherbach, Mitternachtshimmel, Lapislazuli. Rein und leuchtend wie Kristall oder wechselhaft wie Forellenhaut und Perlmutt. Von unglaublicher Tiefe wie - eben - Ozeane. Ist es das Blau der Meere, des Wassers in der ockerfarbenen Ödnis, das erst durch sein Fehlen seine Kostbarkeit erlangt? Oder ist es doch das Blau des Himmels, seiner Unendlichkeit, in der der Herrgott über die Glückseligkeit wacht?




20. September   /////   Los, los, los emau, los mau wie das schtiu isch
Nun liegt sie also vor uns, die Wüste. Lange war sie den Gedanken und Diskussionen vorbehalten. Jetzt ist sie da, glänzt durch Abwesenheit, da sie mit dem Ende der Stadt beginnt. Sie ist noch nicht wirklich fassbar, der Horizont bietet einem keinen Halt. Ein Blick auf die Karte verspricht 400 Kilometer bis zur nächsten Stadt, wo wir einkaufen und tanken können, dann nochmals 500 Kilometer bis zur nächsten Stadt, im nächsten Land. Gespannt sind wir und auch ein bisschen nervös, obschon wir wissen, dass wir in guter Gesellschaft sind. Die Strassen sind Hauptschlagadern zwischen Nord und Süd, Ost und West. Die Kanister auf dem Dachträger sind zum ersten Mal randvoll gefüllt mit Diesel, das Auto ist mit Wasser und Essen für unzählige Tage beladen, den schlimmsten Fall, wie auch immer der dann aussehen möge, einkalkuliert.

Unser Nachtlager schlagen wir im Schutz eines kleinen Hügels, etwas abseits der Strasse auf. Still ist es und schön. Im warmen Abendlicht werden die Schatten länger, die Kamele sind schon weitergezogen, einem uns unbekanntes Ziel entgegen. Die Dämmerung legt sich über uns, will uns im Auto haben, bevor es ganz dunkel ist. Der Mond lässt sich Zeit zum Auftauchen, fast schon meinten wir, er habe es sich anders überlegt. Als er dann endlich da ist, taucht er die Nacht in ein blasses Licht, surreal und fantastisch.

Mit dem Tageslicht kommt auch der Staub. Er sitzt auf jeder Fläche, fassbar wie ein Ball in der Luft. Die Strasse ist bald so schlecht, dass wir die vor uns liegende Strecke nicht mehr in Kilometer zählen, sondern sie in Zeit umrechnen. Was heisst, dass wir nicht mehr 250km mit 20km/h fahren müssen, sondern in gut zwölf Stunden das Ganze hinter uns haben. Der Trick dabei: die Kilometer müssen wir aktiv zurücklegen, währenddem der Tag, wie lange er einem auch scheinen mag, einfach vorüber geht.

Während der Nacht hat Regen eingesetzt. Ungemütlich wie es ist, räumen wir in aller Eile unsere Kisten um, damit wir wieder ins Trockene können. Die Hauptstrasse ist glitschig, auf dem Sand fährt es sich wie auf Schnee mit Sommerpneus. Immer wieder will der Wagen ausbrechen, so dass wir uns auf kiesigen Untergrund retten, wo immer möglich. Wind und Regen setzen uns zu, treiben uns mit 20km/h vorwärts, in der Hoffnung, dass das Wetter anderswo besser ist.
Durch den Regen erkennen wir in der Ferne eine Gestalt, die immer wieder in die Strassenmitte und zurück zum Lastwagen läuft, Strassenmitte und zurück. Wir fragen uns, was los ist. Auf gleicher Höhe mit dem Lastwagen sehen wir, dass der Lastwagenfahrer Kühlerwasser einfüllt, Pfützenwasser aus der Strassenmitte.
Die Lastwagenfahrer sind unsere steten Reisebegleiter. Anonym, auf der gegenüberliegenden Fahrbahn, flüchtige Bekannte im Teehaus am Strassenrand. Sie durchqueren die Welt, für Konzerne, für Speditionen, für die Nato. Den Klischees von grimmigen, harten Kerlen entsprechen sie nicht – wir lernen gutmütige, herzliche Menschen kennen.




15. September   /////   Sechsundfünfzig Grad
Die Sonne brennt und brennt hinunter in den Wüstensand auf dem 56. Längengrad. Dieser kennt es nicht anders, wir werden nicht nach unserer Meinung gefragt. Und so brennt sie weiter, hart und unerbittlich. Erst nach Stunden zeigt sie sich auch von ihrer gutmütigeren Seite und schenkt uns länger werdende Schatten. Im aufkommenden Abendwind kugeln staubige PET-Kanister an uns vorbei und vertrocknete Stauden. Kleine Windhosen walzen über die Ebene und sättigen die Luft mit feinstem Staub. Ein paar Meter neben uns liegt, kopfüber im Sand, ein ausgeschlachteter Lada, seit Jahren wohl. Abfall überall, zwischen und unter den vielen Autos und Lastwagen, die sich dicht an dicht drängen. Wir machen uns auf eine weitere Nacht inmitten der Wüste gefasst. Ob 'in einem Land' oder 'zwischen zweien' werden wir sehen.
Auf dem 56. Längengrad, dieser imaginären Linie, die hier ganz und gar real ist, verlaufen, von Stalin wohl in einer Laune mit dem Lineal gezogen, 400 der 2200km langen Grenze, die Usbekistan und Kasachstan zusammenklebt. Auf ihm liegt auch einer der zwei Grenzübergänge, die sich die beiden Länder auf diesen 2200km zugestehen. Und auf ihm stehen wir uns seit Stunden die Beine in den Bauch, aus Kasachstan schon ausgereist, in Usbekistan noch nicht erwünscht.
Nach etwas mehr als fünf Stunden Warten und subtilem Drängeln in Super-Slow-Motion (als Analogie fällt uns Briefschach ein) öffnet uns ein Soldat doch noch das Tor zum usbekischen Grenzposten. Wir werden hineingebeten und nach weiteren anderthalb Stunden fixfertig abgefertigt auf der anderen Seite wieder hinausgespickt. Willkommen in Usbekistan, Good Luck und Bye-Bye! Weiter geht’s! Hinaus in die rabenschwarze Wüstennacht, die mittlerweile über uns hergefallen ist. So rabenschwarz ist die, dass wir von der Endlosigkeit der Wüste nichts mehr spüren. Stechendes Schwarz bedrängt uns von allen Seiten, dasjenige links und rechts erscheint uns als finsterer Wald, vor uns erwarten wir stets die nächste Kurve, das nächste Dorf. Im Licht unserer Scheinwerfer tanzt feinste Gischt aus Pulverschnee über den dunklen Asphalt. Als führen wir durchs winterliche Entlebuch, genau so fühlt es sich an. Doch der Schnee ist Sand, das Schwarz ist nichts anderes als die unendliche Leere, die uns nicht abhanden gekommen ist. Und die nächste Kurve? Das dauert noch. Morgen dann, ganze 220km von hier.




13. September   /////   Where the streets have no names (U2)
Aktau, das ist die Stadt, wo die Strassen keinen Namen haben. Die bebauten Gevierte sind in Microrayons eingeteilt, darin sind die Häuser nummeriert. Das System funktioniert, werden Baulücken geschlossen wird es etwas unübersichtlich.
Aktau, das ist die Stadt, die wegen dem Öl besteht, was nach dem Ölzeitalter kommt fragen sich die Expats wie die Serviceangestellten im Restaurant gleichermassen.
Aktau, das ist die Stadt, die scheinbar in Zeitlupentempo funktioniert. Man fährt gesittet, es wird nicht mehr gehupt, was wir uns seit Odessa ausnahmslos gewöhnt sind. Und wenn doch gehupt wird, dann nur um einen unaufmerksamen Fussgänger über die Strasse zu bitten, denn die haben hier wieder Vortritt.
Aktau, das ist die Stadt, die kein Süsswasser hat und alles Trinkwasser aus dem Meer gewinnt. Die Stadt am Meer, die von nichts als Wüste umgeben ist, Hunderte von Kilometern weit.




10. September   /////   Die Sendung mit der Maus
Liebe Kinder, heute erklären wir euch, wie man mit dem eigenen Auto nach Kasachstan einreist. Kasachstan ist ein Land, weit weg von hier, da sind viele Sachen noch anders als bei uns. Als erstes braucht ihr dazu ein Auto. Mit diesem wartet ihr auf dem Schiff im Hafen erst einmal ein bisschen, so zwei Stunden. Dann werdet ihr mit allen andern Leuten von Soldaten abgeholt und zur Passkontrolle gebracht, wie eine Schulreise müsst ihr euch das vorstellen. Da hat es ganz illustre Leute, Autoexporteure, Lastwagenfahrer, eine Familie und wir sind auch mit dabei.
Nach der Passkontrolle, die nur eine Stunde dauert, müsst ihr euch um die richtigen Papiere und ein paar Stempel bemühen, damit euer Auto einreisen darf. Das geht dann so:
1. Beim Schalter I gibt’s ein paar Papiere, ein paar Stempel und ein paar Anweisungen.
2. Beim Schalter II, nennen wir ihn den Kopierschalter, geht ihr eure Ausweise kopieren. Die Dame dort gibt euch dann einen Zettel, mit dem Ihr zum Schalter III geht. Sie trägt euren Kopierwunsch zudem handschriftlich in ein Kassabuch ein. Macht zwei Zettel, logisch.
3. Beim Schalter III, nennen wir ihn die Kasse, zahlt ihr eure Kopien gemäss Zettel und geht zurück zum Kopierschalter.
4. Beim Kopierschalter zeigt ihr die Quittung, denn nur die bevollmächtigt euch zum Erhalt der Kopien und der Originale.
5. Nun kennen wir es ja schon ein bisschen. Also gehen wir wieder zum Schalter I. Dort zeigen wir unsere Kopien, ein paar Papiere und erhalten ein anderes Papier und eine Anweisung.
6. Ihr geht, diesmal direkt, zur Kasse, dort zahlt ihr Geld und erhaltet eine Quittung.
7. Mit dieser geht ihr zum Schalter I, zeigt sie, gebt ein Papier und kriegt einen Stempel und Papiere.
8. Nun wird’s etwas knifflig, deshalb müsst ihr gut zuhören. Ihr werdet zum Auto im Schiff geschickt, mit dem Kommentar, alles sei in Ordnung, ihr könntet gehen.
9. Alle anderen netten Leute sind aber noch da und sammeln Stempel. Sie können nämlich besser Russisch als ihr und drum ist es unwahrscheinlich, dass ihr geschwinder seid. Die netten Leute helfen euch dann auch und winken euch. Also geht ihr vom Schiff wieder zurück, dorthin wo die Schalter mit den Stempeln sind.
10. Beim Schalter IV sitzt ein netter Mann der viel zu tun hat. Hinter ihm sitzt auch ein netter Mann, der gähnt und hat nichts zu tun. Der Schalter neben dem netten Mann ist geschlossen. So ist das Leben, liebe Kinder, die einen arbeiten und die andern arbeiten auch, aber auf eine andere Weise. Also, beim Schalter IV, da gebt ihr eure Papiere und die werden dann gestempelt. Die müssen dann kopiert, bezahlt und abgeholt werden, aber das kennen wir ja schon alles. Drum geht’s gleich weiter. Ihr gebt dem netten Mann die Papiere, am besten alle, dann fehlt keines. Nun werdet ihr nach einem Formular gefragt, das ihr ausgefüllt haben müsstet. Obacht, liebe Kinder, das Formular habt ihr noch gar nicht erhalten. Sagt das dem netten Mann, der druckt das dann für euch aus, Vorderseite, Rückseite, nicht mal verkehrt rum. Darin hat der nette Mann Übung, das sieht man. Das macht er übrigens für alle Leute, der braucht ganz viel Papier und Zeit.
11. Das Formular ausfüllen ist kinderleicht, da hat es eine Vorlage an der Scheibe aufgeklebt, die könnt ihr fast abschreiben. Währenddem ihr das Formular ausfüllt hat der nette Mann Zeit, alle früheren Formulare von Hand in ein Kassaheft einzutragen, damit alles seine Ordnung hat. Wenn ihr fertig seid, dann wartet ihr artig vor dem Schalter bis der nette Mann euer Formular nimmt. Er stempelt dann das Formular, schreibt etwas dazu und macht mit seinem Schreiber eine Blase darum, damit niemand mehr etwas dazu schreiben kann. Nun haben wir aber einen kleinen Fehler gemacht, da wir zwei je ein Formular ausgefüllt haben. Richtig ist aber, dass nur der mit dem Auto das Formular ausfüllen muss, dafür aber zwei Mal. So erhaltet ihr noch einmal das Formular zum Ausfüllen, der nette Herr druckt es selbstverständlich noch einmal für euch. Da könnt ihr jetzt von eurem eigenen Formular abschreiben, das ist erlaubt. Ihr macht eine handschriftliche Kopie. Ihr seht, liebe Kinder, ihr habt das System schon begriffen, abschreiben geht schneller als kopieren.
Wissen müsst ihr noch, dass die Reihenfolge der gesammelten Stempel eigentlich gar nicht so eine Rolle spielt. Das erhöht die Komplizenschaft zwischen den Leuten, macht aber ein sich Verbünden und Nachlaufen schwieriger.
12. Nun, liebe Kinder, dürft ihr das Auto aus dem Schiff holen. Dafür müsst ihr dem netten Soldaten vor dem Schiff euren Pass zeigen, das Auto holen, dem netten Soldaten gleich noch einmal den Pass und alle Papiere zeigen. Der nette Soldat möchte darauf euer tolles Auto anschauen. Ihm gefällt, was er sieht und lässt euch ziehen.
13. Am Ausgang wartet auch noch ein netter Soldat auf euch, dem ist aufgefallen, dass euch noch ein Stempel fehlt.
14. So geht ihr zum dritten Soldaten, der eurer Auto auch ganz dolle findet und darum das Auto gut anschaut. Mit dem letzten Stempel im Sack geht ihr wieder zum Ausgang, wo ein netter Mann im grauen Hemd auf euch wartet.
15. Ihm dürft ihr nun das gestempelte Papier geben, worauf auch er sich für eure tolle Kiste interessiert. Ihr dürft ihm nun zeigen, was ihr alles habt. Den netten Mann müsst ihr euch ein bisschen vorstellen wie ein Adler, der hat ganz gute Augen und sieht sogar den glänzenden Flachmann, den ihr geschenkt erhalten habt. Der nette Mann mag euer Auto so fest, dass er ein Souvenir behalten möchte. Am allerliebsten hätte er den lustigen Flachmann. Da schaut er euch mit grossen, traurigen Augen an, wie eure kleine Schwester. Das, liebe Kinder, geht nun also wirklich nicht, Geschenke weiterschenken tut man nicht. Etwas traurig lässt der nette Mann euch dann, nach acht spannenden, lehrreichen Stunden mit ganz ganz vielen Stempeln, von dannen ziehen.


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